Lissabon 1755 und Feng Shui: Katastrophe, Vorsehung und Gleichgewicht

Kupferstich des Erdbebens, der Brände und des Tsunamis in Lissabon 1755
Lissabon in Trümmern und Flammen während des Erdbebens und Tsunamis von 1755. Anonymer Kupferstich, 1755; Museu da Cidade, über Wikimedia Commons. Gemeinfrei. Wikimedia Commons · Public Domain Mark 1.0

Das Ereignis: ein Erdbeben erschüttert ein Weltbild

Am Morgen des 1. November 1755, dem katholischen Feiertag Allerheiligen, traf ein gewaltiges Erdbeben Lissabon. Gläubige hatten sich in Kirchen versammelt. Die portugiesische Hauptstadt war damals ein lebhafter Hafen am Atlantik, der Europa mit überseeischen Gebieten und weitreichenden Handelsnetzen verband. Innerhalb weniger Minuten verwandelten einstürzende Gebäude vertraute Straßen in gefährliche Durchgänge. Das Ereignis wurde weit mehr als eine portugiesische Tragödie: Seine unmittelbaren Auswirkungen überschritten Grenzen, während Berichte über die Zerstörung durch Europa gingen und Vorstellungen von Zivilisation, Glauben und menschlicher Sicherheit infrage stellten. [1]

Die Katastrophe bestand aus mehreren miteinander verbundenen Gefahren. Starke Erschütterungen brachten Mauerwerk zum Einsturz und beschädigten Wohnhäuser, Kirchen und öffentliche Einrichtungen. Anschließend traf ein Tsunami das Ufer. Gerade dort, wo Menschen Schutz vor fallenden Gebäuden vermuten konnten, entstand eine neue Bedrohung. In der beschädigten Stadt breiteten sich außerdem Brände aus; umgestürzte Kerzen und andere Zündquellen trugen dazu bei. Diese Abfolge ist für das Verständnis entscheidend. Historisch betrachtet entstand das Ausmaß des Unglücks durch das Zusammenwirken von Bodenbewegung, Meerwasser, Feuer und gebauter Umwelt, nicht durch einen einzelnen, losgelöst betrachteten Erdstoß. [1][2]

Moderne Rekonstruktionen nennen häufig eine Magnitude um 8,5. Die genaue Lage der Quelle vor der Küste und der Bruchmechanismus bleiben jedoch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Es existieren keine instrumentellen Aufzeichnungen wie heutige Seismogramme. Forschende müssen deshalb historische Berichte und physische Spuren miteinander vergleichen. Auch die Opferzahlen schwanken erheblich: Viele Tausende Menschen starben, doch eine scheinbar exakte Gesamtzahl würde die Unsicherheit verdecken. Portugal, Spanien und Marokko waren stark betroffen; Beobachtungen des Tsunamis reichen über den Atlantik hinaus. Lissabon steht deshalb für eine gemeinsame Geschichte gefährdeter Küsten und nicht ausschließlich für die Erinnerung einer einzigen Stadt. [1][2]

Der Zeitpunkt vertiefte die spirituelle Erschütterung. Kirchen verkörperten sowohl religiöse Geborgenheit als auch materiellen Schutz, waren nun aber vielfach zerstört. Für gläubige Menschen stellten sich schmerzhafte Fragen nach Vorsehung, Strafe und dem Leiden Unschuldiger. Darin berührt die Debatte ein esoterisches Interesse an einer verborgenen Ordnung. Sie liefert jedoch keinen Beleg für übernatürliche Ursachen. Religiöse Deutungen bestanden neben Versuchen, das Geschehen durch natürliche Vorgänge zu erklären. Die Katastrophe zeigte, wie dringend Menschen nach verständlichen Mustern suchen, wenn alltägliche Erwartungen zusammenbrechen und vertraute Orte ihre scheinbare Verlässlichkeit verlieren. [3]

Voltaire griff den philosophischen Optimismus in seinem Gedicht über das Unglück von Lissabon an. Rousseau antwortete mit einem Brief über die Vorsehung. Ihr Streit wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt der Aufklärung und ihrer Auseinandersetzung mit Übel, Natur und Verantwortung. Später machte auch Voltaires Candide Lissabon zum Bestandteil einer Kritik an tröstlichen Denksystemen, die dem wirklichen Leiden nicht gerecht werden. Das war kein einfacher Sieg der Vernunft über den Glauben. Die Beteiligten waren sich uneinig darüber, was aus dem Ereignis folgte; das Verhältnis zwischen Naturgefahr und menschlicher Lebensgestaltung blieb eine entscheidende Frage. [3]

Unter König Joseph I. und seinem Minister Sebastião José de Carvalho e Melo, dem späteren Marquis von Pombal, erhielt Lissabon beim Wiederaufbau eine neue Gestalt. Breite Straßen, geplante Plätze und eine geometrisch geordnete Innenstadt sollten nach dem Chaos wieder Orientierung schaffen. Damit verbanden sich dauerhafte Fragen: Wessen Leben wird geschützt, wie sollen Menschen sich durch eine Stadt bewegen, und wodurch wird eine Siedlung widerstandsfähig? Die historische Bedeutung Lissabons liegt gerade in der Verbindung von materieller Verwüstung, spirituellem Streit und praktischem Aufbau. Die Ruinen forderten dazu auf, sowohl unsere Welterklärungen als auch die von uns geschaffenen Lebensräume kritisch zu prüfen. [1]

Eine Feng-Shui-Deutung: Gleichgewicht ohne Schuldzuweisung

Lissabon 1755 und Feng Shui lassen sich über die gemeinsame Aufmerksamkeit für Menschen und ihre Umgebung miteinander ins Gespräch bringen. Das ist eine heutige vergleichende Betrachtung, kein Nachweis dafür, dass die Stadt nach chinesischer Geomantie geplant wurde. Feng Shui erklärt weder tektonische Brüche noch sagt es Tsunamis voraus. Eine Katastrophe darf niemals als Strafe für schlechtes Qi oder falsch aufgestellte Möbel dargestellt werden.

Wasser steht im Feng Shui häufig für Bewegung, Austausch und Möglichkeiten. Der Hafen Lissabons veranschaulicht diese Symbolik: Er ermöglichte Handel, setzte das Ufer aber zugleich zerstörerischen Wellen aus. Daraus folgt nicht, dass Wasser grundsätzlich Glück oder Unglück bringt. Der Wert eines Ortes hängt vom Zusammenhang, von angemessenen Verhältnissen und vom Verhältnis zwischen Nutzen und Gefährdung ab. Eine symbolische Deutung hilft dann, wenn sie genaue Beobachtung fördert und keine falsche Gewissheit erzeugt.

Yin und Yang bieten einen weiteren Denkansatz. Schutz und Offenheit, Ruhe und Bewegung sowie Sicherheit und Austausch benötigen einander. Eine vollständig abgeschlossene Stadt kann bedrückend wirken; Offenheit ohne Schutz kann ihre Bewohner gefährden. Die neu angelegten Straßen und Plätze lassen sich deshalb als Anordnungen von Bewegung, Sichtbarkeit und gemeinsamem Raum betrachten. Das ist eine Analogie zur menschlichen Erfahrung und keine naturwissenschaftliche Aussage über unsichtbare Kräfte oder die Verteilung seismischer Energie.

Auch die fünf Wandlungsphasen liefern eine Sprache der Beziehungen: Erde als Halt, Wasser als Fluss, Feuer als Veränderung, Holz als Erneuerung und Metall als Struktur. Diese Kategorien dienen der Interpretation und ersetzen keine Ingenieurwissenschaft. Eine verantwortungsvolle Betrachtung verbindet Sinnsuche mit Fürsorge: der Toten gedenken, die Lebenden schützen, gemeinschaftliche Erinnerung bewahren und einladende Orte gestalten. Harmonie entsteht durch wiederkehrende Aufmerksamkeit im Alltag und im Zusammenleben. Sie verspricht nicht, dass die Natur uns verschonen wird.

Lasst uns hier darüber diskutieren…

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Europeana — Adrian Murphy (2023), What was the impact of the Great Lisbon Earthquake in 1755?
  2. Ribeiro, Silva & Leitão (2011), High resolution tsunami modelling for the evaluation of potential risk areas in Setúbal (Portugal), Natural Hazards and Earth System Sciences, 11, 2371–2380.
  3. Jan Rutsch (2025), Le séisme de Lisbonne et sa vision philosophique entre Voltaire et Jean-Jacques Rousseau, Sociopoétiques.